SEPTIEMBRE 2017

Ich gebe zu, dass die ersten Wochen meines Freiwlligen Sozialen Jahres nicht ganz glimpflicht verlaufen sind, vielleicht lag es an mir und meinen Einstellungen, vielleicht lag es daran, dass mich das Pech einfach mal eine Weile lang verfolgen wollte, vielleicht war es auch einfach das Zusammenspiel dieser beider Dinge.

Hier kommt mein monatlicher Rückblick, mit Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen:

GEHÖRT

  1. An einem meiner ersten Abende in Mexiko konnte ich nicht einschlafen, egal wie laut ich die Musik in meinen Kopfhörern hatte. Der Regen war einfach zu laut. Die “Regenzeit” habe ich mir sagen lassen ist zwar für gewöhlich etwas früher, der September durchaus aber auch ein verregneter Monat. Na toll…da verfolgt mich das Hamburger Schietwedder bis nach Mexiko.
  2. “Viva México!”, das ist der “Grito de Dolores” (Schrei von Dolores). Am 16. September ist hier “Día de la independencia”, einer der wichtigsten und patriotischsten Feiertage. Am 16. September 1810 rief der rebellische Pfarrer Miguel Hidalgo in einer kleinen Ortschaft Dolores zum Kampf gegen die Spanier auf. Seitdem wird der 16. September als Nationalfeiertag mit Feuerwerk und Volksfest gefeiert.
  3. Hinter meinem Haus befindet sich eine Art Wald, der eher einem Park gleicht. Neben Joggern und Radfahrern reiten hier auch Pferde entlang. So werde ich regelmäßig von dem Geräusch klappender Hufen geweckt, nicht schlecht, oder?
  4. “U Ass Bank” von Lyrics Born. Meine Kreditkarte funktioniert nicht, die Bank meldet sich nicht und ein Leben ohne Geld macht definitiv keinen Spaß, dieses Lied beschreibt meinen Gefühlszustand ziemlich gut.
  5. Das Geräusch des Erdbebebenalarm. Es war ein Test an meinem zweiten Arbeitstag, ironischerweise genau an dem Tag, als nahe Puebla tatsächlich die Erbe bebte. Mir geht es gut und ich bin zum Glück nicht betroffen, jedoch haben die Erdbeben der vergangene Wochen einige Opfer gebracht und für viel Unruhe gesorgt. Momentan sammeln wir fleißig Spenden für die betroffenen Regionen und sind mit unseren Gedanken bei denen, die ihre Lieben verloren haben!

 

GESEHEN

Gesehen habe ich unglaublich viel, dazu gehören zwei wunderschöne Seen. Mit dem einen verbinde ich nicht unbedingt nur positive Dinge, dem zweiten werde ich mit Sicherheit noch einen zweiten Besuch abstatten.

Unser Vorbereitungsseminar Anfang September fand am Werbellinsee nahe Berlin statt. Gleich am ersten Abend meinte ich mich im Handyweitwurf auszuprobieren und versenkte mein Handy im See.

Beim zweiten See handelt es sich um den Lago Chapala, der zwar mit reichlich Müll und Algen ausgestattet ist, aber trotzdem eine sehr angenehmen Atmosphäre ausstrahlt. Mit vielen kleinen Essständen, einem kleinen Markt und Straßenkünstlern.

Hinzu kommen die vielen bunten Häuser in Tlaquepace, ja, ein sehr komplizierter Name für einen sehr schönen Ort, den ich mir auf jeden Fall noch mal genauer anschauen muss. Wie ich erfahren habe kommt mein Gastvater aus diesem kunterbunten Ort nahe Guadalajara, vielleicht kann er mir ja noch mal den ein oder anderen Tipp geben, was man in Tlaquepace so machen kann.

Wenn ich in anderen Ländern bin, habe ich immer den Tick auf die unterschiedlichen Straßenschilder zu achten. In Spanien waren es die Warnungen vor Pferden in Kreisverkehren oder in Polen, die Kinder mit Süßigkeiten in der Hand. Während in Deutschland jedoch an Straßen vor Wildwechsel oder Steinschlag gewarnt wird, stehen in Mexiko gelbe Straßenschilder am Rand, auf denen vor Fahrradfahren gewarnt wird…sehr skurril.

Letzten Freitag saß ich mit meiner Gastfamilie in einem kleinen Restaurant außerhalb unserer Gated Community, als plötzlich fünf Reiter auf ihren Pferden an uns vorbei ritten. Ausgestattet mit Sombrero, Bluse und Cowboystiefeln, mitten in der Stadt.

 

GELESEN

Gelesen habe ich diesen Monat erstaunlich wenig. Anfangs habe ich es noch mit einem Länderportrait über Mexiko versucht, aber das ist dann doch in den ganzen Vorbereitungen untergegangen. Wahrscheinlich wollte ich einfach nur noch los und erfahren, wie es tatsächlich in Mexiko ist und nicht mehr nur theoretisch darüber herumspinnen.

Außerdem habe ich meinen Arbeitsvertrag gelesen, nicht gerade sehr interessant…40stundenwoche und 26 Urlaubstage, mal sehen, was ich an denen so machen werde.

 

GEFÜHLT

Wow! Von Anfang an wusste ich gar nicht wohin mit den ganzen Gefühlen! Neugierde und Aufregung hat sich am Anfang des Monats breit gemacht, auf Mexiko, die neuen Aufgaben, die interessanten Menschen. Ziemlich schnell folgte dann Frust, weil einfach nichts glatt laufen wollte. Das Gefühl am Flughafen zu stehen, eigentlich will man einfach nur los, weg von allem, was schief gelaufen ist und trotzdem fällt der Abschied schwer. Verheult sitze ich im Flugzeug zwischen all den Businessleuten ziemlich allein. Als ich erfahre, dass mein Flieger nach Mexiko 23h „Verspätung“ hat will ich eigentlich nur noch ins nächste Flugzeug nach Hamburg steigen und zurück zu meiner Familie.

Dieses Gefühlschaos nimmt kein Ende als ich in Mexiko ankomme. Mit meinem bröckeligen Spanisch versuche ich dem Flughafenpersonal in Cancún meine Lage zu erklären. Buche mich dann in letzter Sekunde auf einen Flug nach Guadalajara und hoffe einfach nur, dass mein Koffer mitkommt.

Hoffnung ist in diesem Moment das, an was ich mich klammere. Hoffnung auf gutes Wetter, viel Sonne und eine ordentliche Portion Vitamin D. Hoffnung auf freundliche, offene Menschen, gutes Essen und ein Bett.

Mein erster Eindruck ist positiv. Ich werde überschwänglich von zwei kleinen Jungs und einer überglücklichen Mutter empfangen. Mexiko ist warm, selbst am späten Abend unter der Woche noch belebt und eine Mischung aus hypermodern und heruntergekommen.

Die Salsa auf meine ersten Quesadillas ist scharf und unterstützt die Tränenproduktion.

Dann erwartet mich ein Kulturschock. Gleich an meinen ersten beiden Tagen wird „Día de la independencia“ gefeiert und aus jeder Ecke schallt es „Viva México“. Langsam einleben ist hier also nicht.

Auch spürt man die 9.604km Entfernung zur Familie, den Freunden, der Stadt. Man vermisst auf einmal die einfachsten Dinge, die Gewissheit, dass man sich einfach mit dem Wasser aus dem Hahn die Zähne putzen kann, den Joghurt ohne Zucker, das Brot, die Möglichkeit einfach auf die Straße zu gehen und sich die Gegend anzugucken. Alles Dinge, an die ich mich noch gewöhnen muss.

Am Ende des Monats erscheint die Vorfreude wie das Licht am Ende des Tunnels. Nach einem Monat mit mehr „Abs“ als „Aufs“ kann ich es gar nicht abwarten das Land näher kennenzulernen, mit neu gewonnenen Freunden zu reisen und neue Orte zu entdecken.

Mexiko hat mir bis jetzt ziemlich viele Nerven gekostet, von gecancelten Flügen, über keine Möglichkeiten sich ohne Auto aus den Gated Communities hinaus zu bewegen bis hin zu nicht funktionierenden Kreditkarten. Ich bin mir sicher, dass Mexiko noch mehr zu bieten hat!

 

GELERNT

  1. Dass man mit seinem Leben nicht einfach so an einen anderen Ort fahren und erwarten kann, dass man es so weiterlebt, wie bisher. Dazu gehören viele verschiedene Dinge, man muss sich auf eine andere Stadt, eine andere Lebensweise einlassen, sie kennenlernen, sich anpassen, an die Umgebung gewöhnen und seinen ganz eigenen Platz finden.
  2. Dass genau dies viel Zeit beansprucht. Und nicht nur Zeit, sondern auch Mühe, Arbeit und Geduld.
  3. Aber auch, dass man seine persönlichen Werte dabei nicht vergessen darf. Es geht viel mehr darum sie zu hinterfragen, anzupassen und zu vermitteln wenn es passt, denn eine Reise lebt vom aktiven AUSTAUSCH.
  4. Dass die Mangos in Mexiko definitiv besser schmecken als in Deutschland!
  5. Dass es hier nicht „ la habitación“ (=Zimmer), sondern „ el cuarto“ heißt, dass es in Mexiko über 60 verschiedene Landessprachen gibt und ich froh bin, wenn ich Spanisch davon verstehe. Außerdem gibt es hier kein „ihr“, das haben die Mexikaner einfach mal aus ihrem Wortschatz gestrichen. Das einzige, was zählt ist das „wir“.
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DIE ERSTEN ZEHN TAGE: WAFFELN OHNE HERZCHEN

Angefangen hat alles mit einem Kulturschock. Mit 24h Verspätung komme ich ENDLICH in Guadalajara an, meiner neuen Heimat. Ein Jahr werde ich als Freiwillige in Zapopan verbringen, die Stadt, das Land und die Leute kennenlernen. Herzlich werde ich von meiner Gastfamilie am Flughafen empfangen und keine Stund später schon mit Quesadillas und Avocado vollgestopft, die hier übrigens Auguacate, “nasse Birne” heißt.

Am darauffolgenden Samstag ist “Día de la Independencia”, daher wird schon am Freitag an meinem neuen Arbeitsplatz ordentlich gefeiert. Die mexikanischen Kollegen bringen den Deutschen typisch mexikanisches Essen mit und alle sind in traditionellen Gewändern gekleidet. Auch ich bekomme direkt eine Bluse in die Hand gedrückt. Trotzdem ist alles anders und ungewohnt. Die Autos sind riesig, die Sonne strahlt, ich verstehe kein Wort und die Menschen leben in Gated Communities. Hast du an deinem Auto nicht die passende Plakette kleben, wirst du am Eingang angehalten, nach Namen und Zielort gefragt. Ohne Auto kommst du hier nicht weit.

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Am Samstag starte ich trotzdem den Versuch und fahre ins “centro” nach Guadalajara. Eine Stadt, in die ich mich direkt verliebe. Überall sind Menschen, alles ist bunt und zwischendurch sind immer mal wieder die wunderschönen alten Kirchen aus der Kolonialzeit zu entdecken. Die mexikanische Flagge ist heute sehr stark vertreten und überall ist Musik, Theater und Schauspiel, nur mein Spanisch will nicht ganz mitspielen und so versuche ich meinem Uber-Fahrer (Uber=Taxi) eher schlecht als recht zu erklären, wo genau ich eigentlich hin möchte. Mit etwas Geduld schaffe ich es und treffe mich mit einer anderen Freiwilligen am “teatro”. Gemeinsam erkunden wir die Stadt, schlendern durch die Straßen und verhandeln mit den Verkäufern auf dem Markt.

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Am nächsten Tag geht es nach Chapala, ein Ort am gleichnamigen See. Mein Gastbruder muss für ein Projekt der Schule recherchieren. Gefrühstückt wird an einer Raststätte. “Gorditas” sind plattgedrückte Tacos, gefüllt mit was auch immer du willst und mit Käse überbacken. Dazu Café con Olla (typisch mexikanisch, sehr süß und mit viel Zimt- ABER lecker!) zum Nachtisch einen Kuchen. “Gordita” kommt von “gordo/-a”, was so viel wie “fett” oder “dick sein” bedeutet. So ziemlich alle, die mir bis jetzt begegnet sind, haben mir prophezeit, dass ich Mexiko mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen verlassen werde. Mal gucken wie sich das entwickelt.

Lago Chapala entpuppt sich als ein riesiger See, mit viel Algen, Dreck und Touristen. Eine Weile bummeln wir am Ufer entlang, bis wir beschließen zurück in die Stadt zu fahren. Dort wird wieder gegessen. “Enchiladas con frijoles”, langsam bekomme ich das Gefühl, dass sich die Prophezeiung bewahrheiten wird. Am Abend geht es dann spontan ins “Lucha Liebe”. Hier kämpfen Frauen und Männer (getrennt) gegeneinander. Gekleidet in Kostümen und mit Masken ausgestattet wirkt das ganze eher wie ein Zirkus mit viel Drama. Wie durch Zufall gewinnen die verschiedenen Mannschaften immer abwechselnd, bis die Guten (Tecnicas) mit ihrem “Rayo de Jalisco” (“Blitz von Jalisco”- Jaliso= Bundesstaat) den Sieg einholen.

sdr

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Auf ein wunderschönes Wochenende folgt eine sehr emotionale Woche. Das Zuhause ist noch sehr nah, die Arbeit komisch. Es wird wohl einfach noch ein bisschen dauern, bis ich hier meinen Platz gefunden habe, aber ich denke, dass ist mehr oder weniger normal. Immerhin habe ich ja jetzt ein Jahr Zeit die verschiedenen Lebensformen Mexikos kennenzulernen.

Tag neun und zehn verbringe ich damit mich ein bisschen unter die Leute zu mischen. Am Samstag stehen “Babyshower de gringolandia” aka USA und Junggesellenabschied an. Ein paar Sachen werden mir hier klar:

  1. Die mexikanischen Frauen lieben es sich 3kg Make Up ins Gesicht zu klatschen.
  2. Zucker ist nach Mais das wichtigste Nahrungsmittel. Früchte an sich sind ja noch nicht süß genug, so müssen auch Wassermelone, Ananas und Mango mit einer Extraportion Zucker ausgestattet werden, nicht zu vergessen der Orangesaft- ohne Zucker?! “Viel zu bitter!”
  3. Außerdem lieben die Mexikaner Spiele. Auf beiden Veranstaltungen stehen mindestens drei auf dem Programm. Und was für welche! Wenn es darum geht ihre Lieben zu unterhalten lassen sich die Mexikaner richtig was einfallen. Für das Baby werden Lieder gedichtet und Strampler bemalt, auf dem Junggesellenabschied wird sich darum gestritten, wer die Braut am besten kennt und ein Kleid aus Papier entworfen.
  4. Meine mexikanische Mama ist schlimmer als Mutti in Deutschland. Selbst ein Uber ist ihr nicht sicher genug. Während meine Mutter zuhause “nur” den Flighttracker anschmeißt um sicher zu gehen, dass mein Flugzeug auch nicht abstürzt, möchte meine mexikanische Mama Name und Kennzeichen vom Uber haben und verfolgt mich per App bis in die Stadt- Danke Ale;) ❤

Meine ersten zehn Tage sind um und waren reich gefüllt mit Emotionen und neuen Eindrücken. Die nächsten Ausflüge und Reisen sind schon geplant, denn Mexiko hat mit Sicherheit noch mehr zu bieten außer Gated Communities und viel Essen.

Was ich bis jetzt vermisse? Die Herzchen an den Waffeln, denn die haben hier die Form einer Schale, die mit jeder Menge zuckerhaltiger Sachen gefüllt werden kann. Da bevorzuge ich doch tatsächlich noch Mamas klassische Waffeln aus Hamburg, die man schon erschnuppern konnte, wenn man auf den Garagenhof gefahren ist.

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Muchos saludos de Guadalajara,

Liva